Suizid

 

 

 

 

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Peter Thiel - Systemischer Berater und Therapeut (DGSF

Stand 18.03.2009

 

 

 

 

 

Zum Freitod des Flüchtlings W.B.

Ich höre, daß du die Hand gegen dich erhoben hast

Dem Schlächter zuvorkommend.

Acht Jahre verbannt, den Aufstieg des Feindes beobachtend

Zuletzt an eine unüberschreitbare Grenze getrieben

Hast du, heißt es, eine überschreitbare überschritten.

 

Reiche stürzen. Die Bandenführer

Schreiten daher wie Staatsmänner. Die Völker

Sieht man nicht mehr unter den Rüstungen.

 

So liegt die Zukunft in Finsternis, und die guten Kräfte

Sind schwach. All das sahst du

Als du den quälbaren Leib zerstörtest.

 

Bertolt Brecht

 

 

 

Die Zeiten des nationalsozialistischen Terrorregimes in denen sich der Flüchtling Walter Benjamin das Leben vor den ihn verfolgenden Nazischergen nahm, sind gottlob vorbei. Inzwischen scheinen wir in einer Spaß- und Fun-Gesellschaft zu leben, jedenfalls könnte man das glauben, wenn man sich die bunten Illustrieren an den Zeitungsständen ansieht. Doch die Wirklichkeit sieht nicht selten anders aus und es sind vor allem Männer, die - von der Gesellschaft und einer männerfeindlichen Politik im Stich gelassen - Hand an sich legen. 

 

 

 

Polizist erschießt sich auf dem Friedhof

Ein 36-jähriger Beamter tötet sich vor den Augen seiner Frau und seiner Kollegen

Lutz Schnedelbach

Mehr als zwei Stunden haben Polizisten versucht, einen Kollegen davon abzubringen, sich selbst zu töten. Vergeblich: Am Mittwochabend gegen 22.20 Uhr zog der 36-jährige Gerhard C. auf dem Invalidenfriedhof in Mitte seine Dienstwaffe. Er hielt sich den Lauf der Pistole an den Kopf und drückte ab. Ein Notarzt versuchte vergeblich, den 36-Jährigen zu retten. Auch eine Notoperation im Virchow-Klinikum blieb erfolglos.

Gerhard C. aus Wedding arbeitete in der Wache 19 in der Berliner Allee in Weißensee als Schutzpolizist. Er fuhr Streife und war auch häufig in Zivil unterwegs, berichteten Kollegen gestern.

Verfolgung mit Hubschrauber

Am vergangenen Mittwoch war der Polizeikommissar bis gegen 19 Uhr im Dienst gewesen. Bevor er nach Feierabend mit seinem Auto losfahren wollte, erzählte er Kollegen, dass er die Absicht habe, Schluss zu machen. Dann gab er Gas. Die Kollegen lösten sofort Großalarm aus und fuhren ihm nach. Gerhard C. drohte Amok zu laufen.

Auch ein Polizeihubschrauber nahm die Verfolgung auf. Er ist mit einer Wärmebildkamera ausgerüstet, um Menschen auch im Dunkeln orten zu können. Gleichzeitig fuhren mehrere Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) in Richtung Mitte. Verhandler und zwei Seelsorger machten sich ebenfalls auf den Weg.

Gerhard C. fuhr in die Scharnhorststraße, stellte dort sein Auto ab und verschwand auf dem städtischen Invalidenfriedhof. Die Hubschrauberbesatzung entdeckte ihn dann und informierte die Streifenbesatzungen. Kurz darauf näherten sich ihm Kollegen und versuchten mit ihm zu sprechen.

Die Ehefrau wurde benachrichtigt. Sie kam ebenfalls zum Friedhof, um mit ihm zu reden. Seit einiger Zeit habe der Mann persönliche Probleme gehabt, hieß es gestern aus Polizeikreisen.

Inzwischen kümmern sich Seelsorger und Psychologen um die Frau und die Kollegen, die das Drama aus unmittelbarer Nähe mit ansehen mussten.

Die Polizei wies gestern Vorwürfe zurück, nach denen der Suizid durch einen gezielten Schuss aus einem Präzisionsgewehr in den Arm oder durch den Einsatz eines Tasers, einer Elektroschockwaffe, hätte verhindert werden können. Das sei zunächst erwogen, aber wegen der Gefahr für Außenstehende wieder verworfen worden, hieß es intern.

Zuletzt hatte sich vor drei Jahren ein Polizist mit seiner Dienstwaffe erschossen. Im März 2005 beging ein 40-jähriger Beamter Selbstmord. Ein Jahr zuvor erschoss sich ein Beamter in der Wache am Kurfürstendamm.

Berliner Zeitung, 22.02.2008

 

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/print/berlin/727710.html

 

 

 

3077 Frauen und  8080 Männer sollen sich 1999 nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention das Leben genommen haben. Für das Jahr 2004 gibt die offizielle Statistik (Destatis, Gesundheitsberichtserstattung des Bundes) die Zahl von 2794 Frauen und 7939 Männern an, die sich durch Selbsttötung des Leben genommen haben (vergleiche "Bild der Wissenschaft", 08/2006, S. 8). Die Dunkelziffer dürfte allerdings weit höher liegen, so sind zum Beispiel gerade bei Männern als suizidale Handlungen zu verstehende Todesfälle, wie z.B. Verkehrsunfälle nicht erfasst.

Während die bekannt gewordene Suizidrate von Männern (vollendeter Suizid) cirka zwei eineinhalbmal so hoch ist, wie die von Frauen (2004: 284%), sollen die Suizidversuche bei Frauen und hier insbesondere bei Mädchen prozentual höher als bei Männern sein. 

Während bei Frauen Suizidversuche häufig appellativen Charakter an die Umwelt, an die Mitmenschen haben, ihnen zu helfen, erwarten Männer in typischer Cowboymanier - von ihren Mitmenschen nichts. Wenn sie also einen Suizidversuch planen und durchführen, endet dieser in weit höheren Maße als bei Frauen tödlich.

Dass das so ist, hat im hohen Maße mit dem gesellschaftlichen Männerbild, dass von Männern und Frauen immer wieder reproduziert wird, zu tun, dass der einzelne Mann im Laufe seiner Sozialisation sich ja auch angeeignet hat. Ein Mann muss stark sein. Ein Mann darf keine Schwäche zeigen. Ein Mann darf keine Hilfe erwarten. Ein Mann bekommt keine Hilfe.

Die Gesellschaft sagt ihm auf ihre Weise, Du bist es uns nicht wert, dass wir Dich in Deiner Not sehen. Du bist uns nur etwas wert, wenn Du stark bist. Es ist uns egal, ob Du Dich von uns verabschiedest.

Mit solcherart verinnerlichter Botschaften, sieht der Mann in existenziellen Krisen nur noch einen Weg.

 

 

"Der Kleine Prinz"

"..

´Da ist es. Laß mich einen Schritt ganz allein tun.´

Und er setzte sich, weil er Angst hatte. Er sagte noch:

´Du weißt ... meine Blume ... ich bin für sie verantwortlich!

Und sie ist so schwach! Und sie ist so kindlich. sie hat vier Dornen, die nicht taugen, sie gegen die Welt zu schützen ...´

Ich setzte mich, weil ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte.

Er sagte:

´Hier ... Das ist alles ...´

Er zögerte noch ein bißchen, dann erhob er sich. Er tat einen Schritt,. Ich konnte mich nicht rühren.

Es war nichts als ein gelber Blitz bei seinem Knöchel. Er blieb einen Augenblick reglos. Er schrie nicht. Er fiel sachte, wie ein Blatt fällt. Ohne das leiseste Geräusch fiel er in den Sand."

 

aus "Der Kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupery

von einem Aufklärungsflug (von Korsika aus) am 31. Juli 1944 nicht zurückgekehrt.

 

 

 

 

Hat eine Frau oder ein Mann einen Suizidversuch überlebt, so geizt die Gesellschaft nicht mir halbstaatlichen Zuwendungen im Wege der sogenannten Gesundheitsfürsorge. Die Verletzungen nach einem Suizidversuch sind oft erheblich, so z.B. wenn der Betreffende von einem Balkon in die Tiefe gesprungen ist. Ein längerer Aufenthalt in einem Krankenhaus ist die Folge. Mit einen Aufwand, der oft mehrere 10.000 Euro beträgt, werden die Betreffenden wieder so weit hergestellt, dass sie vorübergehend aus dem Krankenhaus entlassen werden können, um dann wenige Monate später nach einem erneuten Suizidversuch wieder eingeliefert zu werden. Die Kosten tragen die Beitragszahler/innen, nicht aber wie bei Sportunfällen die Betreffenden seit der sogenannten Gesundheitsreform von 2007 selbst. Das scheint unlogisch zu sein, denn ein Skifahrer der sich bei einer Abfahrt schwer verletzt, hatte nicht die Absicht, sich zu verletzten, während ein Mensch, der sich durch einen Suizidversuch selbst verletzt, eine solche Absicht hat. Konsequenterweise müsste man Menschen, die sich durch einen Suizidversuch selbst verletzten, nachträglich zu den Behandlungskosten heranziehen, denn es ist für die Beitragszahler/innen in der Kranken- und Pflegeversicherung sicher nicht einzusehen, warum sie das selbstschädigende Verhalten andere subventionieren sollen. Schließlich gibt es in der Regel einige Möglichkeiten akute Lebenskrisen zu bewältigen, so etwa in Berlin der Berliner Krisendienst - www.berliner-krisendienst.de. Wer in Berlin trotz eines solchen gut ausgebauten Krisendienstes suizidale Handlungen begeht, muss sich fragen lassen, ob er damit nicht nur sich, sondern auch noch anderen schaden wollte. Eine Heranziehung zu den Kosten einer notwendigen Behandlung würde hier einiges an erzieherischer Arbeit leisten. Sollte sich das im betreffenden Klientel herumsprechen, so würde dies entweder zu einer prozentualen Erhöhung vollendeter Suizide führen oder zu einem realen Rückgang der Suizidversuche. Letzteres wäre eine positive Folge der in Verantwortung für das eigene Handeln nehmen.

Im übrigen gibt es für die Lösung chronischer Lebensprobleme vielfältige Möglichkeiten, angefangen von Selbsthilfegruppen  so etwa unter www.sekis.de zu finden, über therapeutisch orientierte Selbsterfahrungsgruppen, bis hin zu krankenkassenfinanzierten Psychotherapien, die zwar oft nicht so gut sind, wie sie die Krankenkassen kosten, aber immerhin für Menschen mit geringem finanziellen Hintergrund eine einigermaßen leidliche Hilfe sein können.

Für Männer mit suizidalen Tendenzen bietet sich auch die Teilnahme an einer fachlich angeleiteten Männergruppe an. Dies hätte nicht nur den Effekt einer Suizidprävention, sondern der teilnehmende Mann hätte auch die Möglichkeit sein schmalspuriges Bild von Männlichkeit zu erweitern.

 

 

 

 

Bezeichnenderweise gehören männliche Medizinstudenten und Ärzte zu den suizidgefährdetsten Personengruppen. Innerhalb der Ärzteschaft weisen die Psychiater das höchste Suizidrisiko auf.

 

Vergleiche hierzu:

Klaus Püschel, Sarah Schalinski: "Zu wenig Hilfe für sich selbst - Ärzte in Suizidgefahr"; In: "Archiv für Kriminologie", Heft 3 und 4 / 2006, S. 89-99

 

Dass das so ist, lässt sich möglicherweise auch mit der ausgesprochen starken Helfermentalität (Helfersyndrome) begründen, die oft Menschen kennzeichnet, die Medizin oder Psychologie studieren oder in sogenannten "Helferberufen" wie Krankenschwester, Krankenpfleger oder auch Psychotherapeut tätig sind. Der Helfende versucht allen anderen zu helfen, nur sich vermag er oft nicht zu helfen, weil er dies in seiner Lebensgeschichte und auch in dem verschulten und verkopften akademischen Studienbetrieb an den Universitäten und Hochschulen kaum kennen gelernt hat. 

 

 

Es mutet auf den ersten Blick erstaunlich an, wie wenig Problemlösungsbefähigung vielen suizidalen Männern und Frauen zur Verfügung zu stehen scheint und wie wenig sie bereit sind, sich Hilfe in einer schwierigen Lebenssituation zu suchen. Dabei sind zumindest in den entwickelten westlichen Demokratien völlig ausweglose Situationen eher selten. Wir befinden uns weder auf einer aussichtslosen Flucht vor unseren Häschern, wie Walter Benjamin vor der Gestapo, noch werden wir grausam gefoltert wie in Dritte-Welt-Staaten, wo der Suizid die einzige Möglichkeit sein mag, den Folterknechten zu entkommen. Dabei soll nicht verkannt sein, dass es auch in den Staaten westlicher Demokratieprägungen noch immer genügend offene oder verdeckte staatliche Repressionsformen oder Formen von rechtsstaatlich abgesegneter Rechtlosigkeit, so z.B. für nichtverheiratete Väter im Sorgerecht oder bei der Strafverfolgung von jährlich einigen Tausend Männern (Vätern) auf Grund des Paragraphen §170 Strafgesetzbuch, der die Verletzung der sogenannten Unterhaltspflicht mit bis zu drei Jahren Haft bedroht (im Jahr 2006 waren das laut polizeilicher Kriminalstatistik insgesamt 15.059 ermittelte Tatverdächtige, davon 14.467 Männer und 592 Frauen).  

 

 

Es ist schon paradox. Viele suizidal gefährdete Männer scheuen sich Kontakt zu kompetenten Beratungsstellen oder Beratern aufzunehmen. Statt dessen manövrieren sie sich im Wege selbsterfüllender Prophezeihung in die Sackgasse, aus der ihnen der Suizid schließlich als einziger Ausweg erscheint. Schließlich vollziehen sie den Suizid, der ihnen leichter zu erscheinen scheint, als sich mit einem kompetenten Berater zusammen zu setzen und zu versuchen, die anstehenden Probleme zu klären. Nur nicht helfen lassen, nur nicht eingestehen, dass ich nicht weiter weiß - Indianer spüren keinen Schmerz, lieber fahren sie mit einem Motorrad oder einem Auto gegen einen der vielen Alleebäume im Osten Deutschlands. 

 

 

Zwei Tote bei Liebesdrama

Ein Beziehungsdrama im brandenburgischen Finowfurt hat zwei Menschenleben gefordert. Ein 25 Jahre alter Mann steht im Verdacht, seine 28-jährige Freundin umgebracht zu haben. Anschließend raste der Mann im sächsischen Oberpfannenstiel (Aue Schwarzenberg) mit seinem Auto gegen einen Baum. Das Auto überschlug sich. Der Fahrer erlitt tödliche Verletzungen, teilte die Polizei mit. Vermutlich beging er Selbstmord. Verwandte fanden einen Abschiedsbrief im Briefkasten der Freundin. ... 

Berliner Morgenpost 20.08.2006, S. 20

 

 

 

 

 

 

 

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