Konflikt

 

 

 

 

 

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Peter Thiel - Systemischer Berater und Therapeut (DGSF

12.11.2011

 

 

 

 

 

 

Schlüsselwörter:  

Gegensätze, Konflikt, Leiden, Versöhnung

 

 

 

 

Literatur:

Friedrich Glasl: Konfliktmanagement. Ein Handbuch für Führungskräfte und Berater. Bern / Stuttgart 1990 (2 Aufl.) - www.friedenspaedagogik.de/service/unter/konfli/eska_01.htm

Frederick S. Perls; Ralph F. Hefferline; Paul Goodman: "Gestalttherapie. Wiederbelebung des Selbst", Ernst-Klett-Verlag, Stuttgart 1979 (amerikanische Originalausgabe 1951)

Frederick S. Perls; Ralph F. Hefferline; Paul Goodman: Gestalttherapie Grundlagen. dtv, 1979, (amerikanische Originalausgabe 1951)

Horst-Eberhard Richter: "Patient Familie. Entstehung, Struktur und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie", Rowohlt 2001

Rudi Rohde; Mona Sabine Meis; Ralf Bongartz: „Angriff ist die schlechteste Verteidigung“; In: „MulitMind. NLP aktuell. Zeitschrift für professionelle Kommunikation“, 2/2003, S. 31-34

Helm Stierlin: "Status der Gegenseitigkeit: die fünfte Perspektive des Heidelberger familiendynamischen Konzeptes."; In: "Familiendynamik", 1979, S. 106-116 

Paul Watzlawick;  Janet H. Beavin; Don D. Jackson: "Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien", Verlag Hans Huber, Bern; 1969/2000/2003

Paul Watzlawick; John H. Weakland; Richard Fisch: "Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels", Verlag Hans Huber, Bern; 1974/1992/1997/2001/2003

Andras Wienands: "Choreographien der Seele. Lösungsorientierte Systemische Psycho-Somatik"; Kösel, 2005

Andras Wienands: Konflikt als Chance. Eine systemische Perspektive auf den ‚Kampf der Geschlechter’ - Vortrag auf der Tagung "Konflikt und Geschlecht" der Heinrich-Böll-Stiftung und des `Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse` am 15./16.11.2002

 

 

 

 

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-----Ursprüngliche Nachricht-----

Von: ...

Gesendet: Sonntag, 26. September 2010 20:35

An: info@maennerberatung.de

Betreff: Anfrage

 

Sehr geehrter Herr Thiel,

 

schön, dass es eine solche Beratungsmöglichkeit gibt, vielen Dank dafür!

 

Ich habe mich vor ca. vier Monaten in einen sehr dynamischen Mann verliebt, der beruflich äußerst erfolgreich und als Geschäftsmann stadtbekannt ist, jede Menge um die Ohren hat und eigentlich als Workaholic zu bezeichnen ist. Unsere Begegnung glich der Erkenntnis einer Seelenverwandtschaft, himmelhochjauchzend, und er behauptete, endlich im Leben angekommen zu sein und nun seine Erfüllung gefunden zu haben. So verliefen die ersten Wochen mit tausenden von Schmeicheleien und Liebesbekundungen – ich sei ob meiner Wärme, Schönheit, Sensibilität, Intelligenz usw. einfach die Frau, die er über alles lieben würde – überhaupt sei er das erste Mal im Leben verliebt, alle anderen habe er gleich wieder vergessen und seine Frau wohl nur wegen der Kinder oder wegen finanzieller oder materieller Werte geheiratet….

 

Es gab und gibt zwischen uns ein großes Problem: Er hat nie Zeit, allerhöchstens mal auf eine halbe Stunde, in der natürlich keine Nähe entstehen kann (die ihm aber angeblich so wichtig ist), und so ist noch nie ein Intimkontakt zustande gekommen, denn es heißt dann immer: „Schatz, wir müssen aufhören, ich muss los…“ Er ist noch verheiratet, lebt mit seiner Frau und den beiden 14 und 9jährigen Kindern zusammen, hat aber mit ihr angeblich kein Verhältnis mehr, viel Streit und Ärger und ein sog. „Gentlemen Agreement“, habe sie oft betrogen, aber auch aus solchen Begegnungen sei nie Liebe hervorgegangen. Ich allerdings sei ihm äußerst wichtig, er wolle „alles“ von mir, aber erst, wenn er seine vielen Probleme beruflicher und sonstige Art gelöst hätte. Er liebe mich und ich gehöre ihm! An Scheidung denkt er allerdings nicht, da er befürchtet, seine Frau könne ihm die Kinder entwenden ... .

Immer wieder kommt es zu versuchten Verabredungen zwischen uns, denn er leide wahnsinnig unter der Sehnsucht nach mir und vermisse mich immer, aber sie werden meist allesamt abgesagt, verschoben oder einfach vergessen. Wir telefonieren, schreiben sms, und von meiner Seite kommt halt auch Unzufriedenheit mit der Situation und Verärgerung über solches Verhalten. Das wiederum „verletzt“ ihn dann ungewöhnlich hart, dass er für einige Tage Funkstille hält. Bezeichnend ist, dass er meinen „Problemen“ keine Aufmerksamkeit widmet, sie entweder aus Zeitgründen nicht anhört oder sich einfach nicht darum kümmert, obwohl er es zuvor versprochen hat…. Ich könnte da noch einiges hinzufügen, aber das Bild wird dadurch nicht anders. Wenn ich andeute, die Beziehung zu beenden, klingt von der anderen Seite wieder Verärgerung, großes Leid und die Beschuldigung, ich schreibe verletzende sms, weil nicht alles so liefe, wie ich es mir vorstelle….

In der Tat hat er natürlich auch eine andere und sehr liebebedürftige und auch liebevolle Seele und ist von so vielen Eigenschaften her ein ganz toller Mann – darin habe ich mich verliebt. Aber mit solch einem Verhalten möchte ich nicht leben und ziehe mich zurück – auch wenn es mir sehr weh tut.

 

Ich wüsste gerne, ob eine solche Persönlichkeit zu den narzisstisch gestörten Persönlichkeiten gehört, und ob diese auch ein gestörtes Sexualverhalten haben können, beispielsweise, dass sie im Zuge ihrer Neigung zur Sucht (Workerholic, 60 Zigaretten, 30 Tassen Kaffee, seit fünf Jahren zum Glück ohne Alkohol) einfach impotent werden (er ist 47, hatte aber bereits ein ... problem und eine damit im Zusammenhang stehende schwere ...-OP) und ob es für solche Menschen Hoffnung gibt, vorausgesetzt, sie wollen sich helfen lassen. Wie gesagt, im Grunde ist er ein wirklich wertvoller Mensch, hat enorm viel erreicht, gibt wahnsinnig viel Kraft in Beruf und Projekte und bekommt im Grunde nichts heraus – er nimmt auch nichts, allerdings den Ruhm, das Ansehen und das Gebraucht-werden, was ihn dann wieder nervt…

 

Über eine Antwort würde ich mich freuen und bedanke mich im Voraus!

 

Mit freundlichen Grüßen

...

 

 

 

Hallo Frau ... ,

ich würde nicht von "narzisstisch gestörter Persönlichkeit" reden, aber sicher nennt der Mann, in den Sie sich verliebt haben, eine gehörige Portion Narzissmus sein eigen.

Narzissmus ist aber in meiner Wirklichkeitskonstruktion ebenso wenig eine Krankheit wie Phlegmatismus oder Manie, aber zweifelsohne im Einzelfall schwer zu ertragen. Allerdings sind viele Politiker/innen auch schwer zu ertragen, vom Honecker will ich da gar nicht reden, dennoch würde ich nicht meinen, diese wären krank.

 

Aber in ihrer beider Fall scheint mir weniger der Narzissmuss das eigentliche Problem zu sein, das einer guten Beziehung im Wege steht, sondern eher die Angst des von Ihnen geliebten Mannes vor Nähe, und sein Unvermögen mal Pause zu machen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.

Die Gründe dafür würde man in einer Therapie schnell rausbekommen können, doch damit wäre es nicht getan, es käme vielmehr darauf an, das Verhalten zu ändern.

Doch warum sollte der von Ihnen geliebte Mann das tun? Es ging doch all die Jahre so la la und es kann doch auch so weitergehen, bis eines Tages der Körper kollabiert oder wie es Udo Lindenberg einmal gesungen hat: Bis der Arsch im Sarge liegt.

Männer wie der von Ihnen geliebte, sind mit Sicherheit nur durch schwere Erschütterungen und Katastrophen von Ihrer vorgezeichneten Bahn abzubringen, aber auch das ist nicht garantiert. So gibt es Hyperaktive, die nach einem schweren Unfall mit einem Rennrad querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzen und als nächstes nichts besseres zu tun haben, als an der Paralympics teilzunehmen.

Das Beharren auf der Fortführung alter Lebensmuster ist mitunter schwer autoaggressiv, bis hin zum Tod, wie es Bertolt Brecht halb ärgerlich, halb resignierend in dem Gedicht "Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus" beschrieben hat.

 

 

Neulich sah ich ein Haus. Es brannte. Am Dache

Leckte die Flamme. Ich ging hinein und bemerkte

Daß noch Menschen drin waren. Ich trat in die Tür

und rief ihnen zu, daß Feuer im Dach sei, sie also

auffordernd schnell hinauszugehen. Aber die Leute

Schienen nicht eilig. Einer fragte mich

Während ihm schon die Hitze die Braue versengte

Wie es draußen denn sei, ob es auch nicht regne,

Ob nicht Wind gehe, ob da ein anderes Haus sei

Und so noch einiges. Ohne zu antworten,

Ging ich wieder hinaus. Diese, dachte ich,

Müssen verbrennen, bevor sie aufhören zu fragen.

Wirklich, Freunde, wem der Boden noch nicht

So heiß ist, daß er ihn lieber mit jedem andern

Vertauschte, als daß er dabliebe,

Dem habe ich nichts zu sagen. ...

 

 

 

Korrekterweise muss man sagen, dass auch Brecht ein Workaholic und Getriebener war, wie er selbstreflektierend eingeräumt hat:

 



Ich sitze am Straßenrand

Der Fahrer wechselt das Rad.

Ich bin nicht gerne, wo ich herkomme.

Ich bin nicht gerne, wo ich hinfahre.

Warum sehe ich den Radwechsel 

Mit Ungeduld? 


Bertolt Brecht

 

 

 

Kein Wunder, dass es Brecht mit 57 Jahren dahingerafft hat, kein Mensch hält ein solches Tempo auf Dauer durch.

 

Was bleibt da noch zu sagen? Vielleicht mit Udo & Jenny Jürgens - Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden 1984

http://www.youtube.com/watch?v=zytpHl7Q5cA

 

 

 

Halten Sie nicht fest, was nicht festzuhalten ist und halten Sie fest, was gehalten werden will.

Oder wie es auch heißt:

 

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

 

 

 

Lieber Gruß

 

 

Peter Thiel

 

 

 

 

-----Ursprüngliche Nachricht-----

Von: ...

Gesendet: Freitag, 1. Oktober 2010 10:48

An: info@maennerberatung.de

Betreff: AW: Anfrage

 

Sehr geehrter Herr Thiel,

herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort - das Näheproblem trifft den Kern. Den ersten Zusammenbruch hatte er Anfang des Jahres: Fettleber, Darmstörungen, OP an Magen und Darm... aber er macht weiter - autoaggressiv, 60 Zigaretten, 30 Tassen Kaffee, Tabletten gegen Schmerzen und Sodbrennen.... Eigentlich bedauernswert.

Ihre Gleichnisse tun gut, auch die Haltung, nicht festzuhalten an jemandem, der nicht festgehalten werden will... So bleibt zu ergründen, warum ich glaube, mit Liebe heilen zu können - was sicher geht, aber vor dem Können kommt das Wollen - von beiden Seiten.

Vielen Dank noch einmal und herzliche Grüße

...

 

 

Hallo Frau ... ,

 

vor der Liebe kommt oft die Wut oder der Hass. Dies muss man als Gegenüber dann auch aushalten können.

Erst wenn Wut oder Hass sich zeigen dürfen, kann die Liebe in ihrem reinen Gewand erscheinen. Gut möglich, dass dies den Rahmen ihrer Beziehungen sprengen würde. Von daher könnte man auch verstehen, wenn sich Ihr Gegenüber einer solchen existenziellen Begegnung nicht stellen will. Vielleicht auch aus der nicht ganz unbegründeten Angst, dass es dann zu einer nicht mehr zu regulierenden Eskalation der Gefühle käme

 

Von daher, anschauen was ist, verändern, was zu verändern ist und akzeptieren, was sich einer Veränderung hartnäckig widersetzt. Retten müssen Sie niemanden gegen dessen Willen.

 

Gruß Peter Thiel

 

 

 

 

-----Ursprüngliche Nachricht-----

Von:

Gesendet: Donnerstag, 7. Oktober 2010 19:21

An: info@maennerberatung.de

Betreff: AW: Anfrage

 

Hallo Herr Thiel,

danke, Sie haben ein großes Feingefühl und können zwischen den Zeilen lesen. Nein, retten muss ich niemanden, ich will aber mich retten, falls das nötig ist, da ich nicht die Therapeutin oder die Mutter Courage spielen möchte. Dennoch, der Mann mit seinen Ängsten vor Nähe, mit seinen Verletzlichkeiten und seinen teilweise manischen und teilweise auch depressiven Phasen hat in seinen guten Zeiten genau das, was mich anspricht. So werde ich sehen, wie ich Ihren letzten Abschnitt realisieren kann - immerhin akzeptiert er meine Wut über seine Art oft genug. Wir werden sehen.

Tausend Dank für Ihre Einlassung - es tut sehr gut, und Sie verstehen Ihr Handwerk! Beste Grüße!

...

 

 

 

 

Hallo Frau ... ,

 

Danke für das Kompliment.

Beste Grüße

 

Peter Thiel

 

 

 

 

Am 11.11.2011 um 18:31 schrieb "maennerberatung" <info@maennerberatung.de>:

 

Hallo Frau ...,

sicher hat sich inzwischen schon einiges zum Guten verändert.

 

Gruß Peter Thiel

 

 

 

-----Original Message-----

From: ...

Sent: Friday, November 11, 2011 11:49 PM

To: <info@maennerberatung.de>

Subject: Re: Anfrage

 

Hallo Herr Thiel,

Sie müssen ein außergewöhnlicher Mensch sein, dass Sie nach langer Zeit noch einmal eine Nachricht schicken.

Und in der Tat war und ist das Thema vom letzten Jahr auch in diesem Jahr Thema. Ich habe Ihre Ausführungen vom letzten Jahr sehr genossen - Sie haben sich wirklich sehr bemüht, mir, einer Fremden, eine männlich / menschliche Art näher zu bringen, und das Loslassen, was nicht zu halten war, schien mir auch die einzige Möglichkeit.

Ihre Zeilen hatten mich beeindruckt, ja berührt, und jetzt, da ich Sie wieder lese, fällt der Groschen erneut. Wir hatten zu Sommerbeginn ein Revival miteinander, der von mir so geliebte Mann und ich. Doch verlief es genauso -er und es hat sich nicht(s) geändert. Aber auch ich hatte noch einmal die Hoffnung.....doch das Loslassen fällt nun leichter. Die Liebe ist da, auf beiden Seiten, sie ist Energie, die nicht vergeht. Aber das Ertragen fällt schwer - die Nähe, die mir nicht reicht, scheint ihm schon zu viel...

Nun, es ist, wie es ist, scheint miteinander schwierig, ohne einander aber auch - ebenfalls viel besungen und beschrieben. Schaun wir, wie oft vor allem ich das noch brauche, bevor es mir gelingt, mein Muster zu löschen....

Herzlichst

...

 

 

 

Hallo Frau ...,

Mitunter ist es mein 7. Sinn, noch mal nachzufragen.

Vielleicht müssen Sie Ihr Muster gar nicht löschen, sondern sich nur damit versöhnen?

 

 

Beste Grüße

 

 

Peter Thiel

 

 

 

 

-----Original Message-----

From: ...

Sent: Saturday, November 12, 2011 7:16 PM

To: <info@maennerberatung.de>

Subject: Re: Anfrage

 

Hallo Herr Thiel,

danke für den Rat - Sie haben wirklich einen 7. Sinn, super. Wie macht man das, sich mit seinem Muster versöhnen? Bisher ist es mir jedenfalls so regelmäßig begegnet - wir kennen uns ganz gut - dass ich fast schon drüber falle. Trotzdem falle ich auch drauf rein, und es geht mir dann nicht so gut.....

Liebe Grüße

...

 

 

 

Hallo Frau ...,

 

Vielleicht so:

 

 

4. Leiden

Wir wollen nun auch die Bedeutung des Leidens untersuchen. Die schöpferische Lösung, so haben wir gesagt, ist den kriegführenden Parteien nicht bekannt; sie ergibt sich erst aus dem Konflikt. In diesem Konflikt werden die Parteien, ihre Gewohnheiten und Interessen, teilweise zerstört; sie erleiden Niederlagen und Schmerzen, In sozialer Kooperation streiten sich die Partner also und machen sich kaputt, sie hassen den Konflikt. Der Dichter, der ein Gedicht macht, ärgert sich über ein störendes Bild, das sich eindrängt, oder über einen Gedanken, der ihn vom Thema wegführt; er zerbricht sich den Kopf, klammert sich an seinen Vorwurf, kommt durcheinander und ins Schwitzen. Wer in einen Konflikt verwickelt ist, kann den Schmerz aber nicht vermeiden, denn ihn jetzt zu unterdrücken, würde nicht Lust, sondern Unlust bereiten, Langeweile, Unbehagen und nagenden Zweifel. Außerdem wirkt der Konflikt selbst im Schmerz noch erregend. Wie wird nun der Schmerz tatsächlich am Ende doch noch verringert?

Indem man schließlich »aus dem Weg geht«, um die große Regel des Tao zu zitieren. Man löst sich von seiner vorgefaßten Idee, wie es ausgehen »müßte«. Und in die so entstandene »fruchtbare Leere« strömt die Lösung ein. Das heißt, man wird handgemein, spielt die eigenen Interessen und Fertigkeiten aus, läßt sie aufeinanderprallen, um den Konflikt zuzuspitzen und um sie zerstört und verändert in die heraufdämmernde Idee eingehen zu lassen; und schließlich klammert man sich an seine Interessen nicht mehr als an die »eigenen Interessen. In der Erregung des Schöpfungsvorgangs findet man zu einer schöpferischen Unparteilichkeit zwischen den sich befehdenden Kontrahenten, und dann, in einem ganz unverantwortlichen, fröhlichen Gemetzel, tobt nun wahrscheinlich jeder der Kontrahenten alle seine Aggressionen für und wider die eigene Seite aus. Aber das Selbst wird nun nicht länger zerstört, denn es findet jetzt erst heraus, was es ist.

Die Frage ist nun wieder, ob dieselbe Interpretation der Bedeutung von Schmerz und Leiden und der Mittel, sie zu lindern, für somatische wie für emotionale Schmerzen und Leiden gilt. Wir wollen uns für einen Augenblick vergegenwärtigen, welches die Funktion von Schmerz ist.

Schmerz ist in erster Linie ein Signal; er lenkt Aufmerksamkeit auf eine unmittelbar drohende Gefahr, zum Beispiel für ein Körperorgan. Die spontane Reaktion ist, aus dem Weg zu gehen, oder, wenn das nicht möglich ist, den Gefahrenherd zu vernichten. Kreatürliches Leben bleibt beim Schmerz oder Leiden nicht lange stehen; wenn der Schaden fortwirkt und nichts sinnvoll getan werden kann, um ihm abzuhelfen, wird das Lebewesen für den Schmerz taub oder sogar ohnmächtig. (Die neurotische Reaktion, den verletzten Körperteil zu berühren, um den Schmerz hervorzulocken, ist ein Wunsch nach Empfindung an der unempfindlichen Stelle; auch dies ist wahrscheinlich ein nützliches Signal, wenn auch schwer zu interpretieren.)

Welches ist nun die Funktion langwierigen Leidens, wie es unter Menschen häufig ist? Wir wollen die Vermutung wagen, daß es uns dazu bewegen soll, uns des unmittelbar gegenwärtigen Problems anzunehmen und dann aus dem Weg zu gehen, alle Kräfte gegen die Gefahr aufzubieten und dann aus dem Weg zu gehen, nutzloses Befangensein zu lockern, den Konflikt toben und zerstören zu lassen, was zerstört werden muß.

Frederick S. Perls; Paul Goodman; Ralph F. Hefferline: “Gestalttherapie. Grundlagen“, dtv, 1979, S. 15-152

 

 

 

Gruß Peter Thiel

 

 

 

 

 


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