Glück

 

 

 

 

 

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Peter Thiel - Systemischer Berater und Therapeut (DGSF) 

Stand 16.05.2011

 

 

 

 

Schlüsselwörter: 

Aktien, Armenhaus, Armenrecht, Banküberfall, Brieftasche, Darlehen, Entwertung, Existenzminimum, Fetisch, Geld, Gerichtsvollzieher, Gier, Glück, glücklich sein, Glücksklee, Glücksgefühl, Gold, Gürtel enger schnallen, Hedonismus, hedonistisch, Hunger, Inflation, Kapital, Kerbholz, Kirchenmaus, Kohle, Kredit, Luxus, Karl Marx, Pfändung, Reichensteuer, Saus und Braus, Schulden, Sicherheit, Status, Wenn ich einmal reich wär`, Tresor, Unglück, Versorger, Villa, Zaster

 

 

 

 

 

Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt

Eigenartiger Weise scheint diese Erkenntnis bei vielen Männern noch nicht angekommen zu sein. Oder - was auch denkbar wäre - sie verwechseln Glück mit Geld.

Diese Verwechslung oder Prioritätensetzung prägt nicht nur das Leben vieler Männer, sondern auch die offizielle Politik. So gibt es zwar einen Bundesfinanzministerium mit vielen hundert Mitarbeiter/innen aber eigenartiger Weise kein Bundesglücksministerium, grad so als ob Finanzen wichtiger als Glück wären. 

Dies scheint nicht erst ein Problem unserer heutigen Tage zu sein. Schon in alten Überlieferungen wird davon berichtet.

 

 

 

Diogenes von Sinope

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

 

Diogenes von Sinope

Der kynische Philosoph Diogenes, (* ca. 399 v. Chr. in Sinope, † 323 v. Chr. in Korinth) lebte in Athen und war Schüler des Antisthenes (und dieser wiederum ein Schüler des Sokrates).

Er gilt als Verächter der Kultur und wirkte in seiner Philosophie mehr durch den praktischen Vollzug, denn durch Lehren. Völlige Unabhängigkeit des Menschen von der Aussenwelt und allen konventionellen Verhältnissen war ihm Bedingung der wahren Tugend. Von den über ihn überlieferten legendären Anekdoten sind am bekanntesten die von

"Diogenes in der Tonne": Vermutlich ein Übersetzungsfehler eines von Seneca geprägten Ausspruches, dass ein Mann mit derart geringen Ansprüchen eben so gut in einem Pithos, einer "Tonne", leben könne. Wirklich in einer Tonne gelebt hat Diogenes wohl nie.

"Geh mir aus der Sonne": Alexander der Große suchte den bekannten Philosophen auf. Auf die Frage nach seinem größten Wunsch antwortete dieser: "Geh mir aus der Sonne". Daraufhin Alexander: "Wäre ich nicht Alexander, wollte ich Diogenes sein".

 

Diogenes von Sinope, Detailansicht aus "Die Schule von Athen", Raphael Santi, 1510/11, Stanzen des Vatikans, Rom 

Im altgriechischen Originaltext (Diogenes Laertios) steht eigentlich: "Nimm deinen Schatten von mir" - und spielt möglicherweise weit mehr auf den Sieg Spartas über Athen (404 v. Chr.) dank gewaltiger finanzieller Unterstützung durch die Perserkönige an, der damit den Niedergang und Zusammenbruch der griechischen Polis-Ordnung einleitete, der 70 Jahre später vollendet war.

Zum Geburtstag und Todestag von Diogenes gibt es zwei Legenden. Die eine besagt, dass Sokrates an dem Tag den Schierlingsbecher trinken musste (in Athen), an dem Diogenes geboren wurde (in Sinope). Die andere Legende sagt, dass der 33-jährige Alexander am selben Tag sterben musste (in Babylon) wie der mehr als doppelt so alte Diogenes (in Korinth).

"Der Mann mit der Laterne": Tagsüber ging Diogenes mit einer Laterne durch Athen und rief: "Ich suche Menschen". - Diese Episode wurde von Friedrich Nietzsche in seinem berühmten Aphorismus "Der tolle Mensch" Fröhliche Wissenschaft, Nr. 125 verarbeitet.

Durch sein Bettlerleben erwarb er sich den Beinamen Kyon (griech.: der Hund). Die Philosophenschule der Kyniker leitet von dieser Lebenspraxis ihren Namen ab. Allerdings könnte der Name Kyniker auch vom Lehrort des Antisthenes, dem ‘Kynosarges‘ herleiten. Heutige Begriffe wie zynisch und Zynismus werden ebenfalls davon abgeleitet.

Zu den Erkennungszeichen der Kyniker gehörten Wanderstab, Rucksack und Essensschale, die gleichzeitig die Grundprinzipien des Kynismus, nämlich Kosmopolitentum, Autarkie, Bedürfnislosigkeit und Parrhesie symbolisieren.

...

http://de.wikipedia.org/wiki/Diogenes_von_Sinope

- Stand 2006 - 

 

 

 

 

Heinrich Böll (1917-1985) hat sich  mehr als 2300 Jahre nach dem kynischen Philosoph Diogenes, (* ca. 399 v. Chr. in Sinope, † 323 v. Chr. in Korinth) in einer Erzählung mit dem schönen Titel "Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" mit der Frage nach dem Zusammenhang von Glück und Erwerbsarbeit (Geld) beschäftigt. 

 

 

 

Erzählung

Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne See mit friedlichen schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick. Und da aller guten Dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick.

Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet,  ...

"Sie werden heute einen guten Fang machen."

Kopfschütteln des Fischers.

"Aber man hat mir gesagt, daß das Wetter günstig ist."

Kopfnicken des Fischers.

"Sie werden also nicht ausfahren?"

Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiß liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpaßte Gelegenheit.

"Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?"

Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. "Ich fühle mich großartig", sagt er. "Ich habe mich nie besser gefühlt." Er steht auf, reckt sich, als wolle er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. "Ich fühle mich phantastisch."

Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: "Aber warum fahren Sie dann nicht aus?"

Die Antwort kommt prompt und knapp. "Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin."

"War der Fang gut?"

"Er war so gut, daß ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen..." Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen beruhigend auf die Schultern. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis.

"Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug", sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. "Rauchen Sie eine von meinen?"

"Ja, danke."

...

"Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen", sagt er, "aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen - stellen Sie sich das mal vor."

Der Fischer nickt.

"Sie würden", fährt der Tourist fort, "nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren - wissen Sie, was geschehen würde?"

Der Fischer schüttelt den Kopf.

"Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten und dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen - eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden...", die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, "Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren - und dann...", wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache.

Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen. "Und dann", sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache.

Der Fischer klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat.

"Was dann?" fragt er leise.

"Dann", sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, "dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken."

"Aber das tu' ich ja schon jetzt", sagt der Fischer, "ich sitze beruhigt am Hafen und döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört."

...

 

Heinrich Böll, 1963

 

Quelle

Böll, Heinrich, Werke: Band Romane und Erzählungen 4. 1961-1970. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1994, S. 267-269

 

 

Literatur: 

Paul Watzlawick: "Anleitung zum Unglücklichsein";  Piper, München, 1983

Carl-Wilhelm Weber: Diogenes. Die Botschaft aus der Tonne. München: Nymphenburger, 1987. - ISBN 3-48500-552-5

 

 

 

 

 


 

 

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