Arbeit
Sie säen nicht, sie ernten nicht, und Gott ernähret sie doch
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Peter Thiel - Systemischer Berater und Therapeut (DGSF)
20.02.2009
Schlüsselwörter: Arbeit, Arbeitsamt, Arbeitslosigkeit, Arbeitstier, Erwerbsarbeit, Hausarbeit, Hedonismus, Langeweile, Müßiggang, Sinn, Sozialkontakte, SPD, Surrogat
Ein kleiner Hafen in Mexiko um 11:00 Uhr.
Ein Fischer sitzt unter seinem Sombrero entspannt und friedlich in seinem Boot und schaut aufs Wasser.
Da schlendert ein Tourist herüber und spricht den Mexikaner an.
Er fragt: "Musst du tagsüber nicht arbeiten?"
Da antwortet der Fischer: "Warum sollte ich?"
"Damit du noch mehr Fische fangen kannst."
"Wozu soll das gut sein?"
"Na dann kannst du mehr Geld verdienen."
"Und wozu das?"
"Wenn du mehr Geld hast, brauchst du nicht mehr so viel arbeiten und kannst mal frei machen und hättest Zeit, dich mal richtig zu entspannen."
(Frei nach Heinrich Böll)
Arbeit, Arbeit, Arbeit, so der gebetsmühlenartig wiederkehrende altbackene Wahlslogan der SPD, die dem 19. Jahrhundert bisweilen noch nicht entwachsen zu sein scheint. Dabei hätten die SPD-Oberen schon bei Karl Marx erfahren können, dass das Leben wesentlich bunter sein kann, als jeden Tag um 6 Uhr aufzustehen und den Gang in die Knochenmühle anzutreten.
"Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher auch nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen."
Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844
Die anderen ebenfalls traditionell arbeitsfixierten Parteien von links bis rechts, stehen der vorgestrigen Art der SPD jedoch nicht viel nach. In Bezug auf die Zwangsarbeitsfixierung scheint es sogar eine gewisse geistige Verwandtschaft der heutigen Parteien zu den Nationalsozialisten zu geben, die über das Eingangstor der von ihnen angelegten Konzentrationslager schrieben: "Arbeit macht frei". Frei gekommen ist durch die Zwangsarbeit der Nazis jedoch wohl kaum jemand. Das Ende der Zwangsarbeit war in der Regel nur im Tod zu haben.
Unseren heutigen, Gott sei Dank demokratischen, aber dennoch in Arbeitsschablonen des 19. Jahrhunderts verfangenen Parteien, fällt denn in wirtschaftlich schwierig erscheinenden Zeiten auch nicht viel anderes ein, als die Arbeitszeiten verlängern zu wollen und die Steuern zu erhöhen. Dies allein den Parteien anzulasten, wäre einäugig, denn frei nach Friedrich Engels Ausspruch:
"Die damaligen Preußen hatten die Regierung, die sie verdienten." Friedrich Engels mit Blick auf die Zeit von Hegel und danach. in MEW 21 S. 266
lässt sich sagen: Jedes Volk bekommt die Regierung, die es verdient. Die Kritik geht daher auch an die Menschen, die immer wieder die selben langweiligen Parteien - von denen keine wesentlichen Innovationen kommen - in den Bundestag wählen, über die sie sich dann nach der Wahl beschweren.
Warum arbeiten wir eigentlich so viel und sind ganz deprimiert, wenn wir dies aus verschiedensten Gründen nicht mehr können? Neben der tatsächlichen sinnerfüllten Bedeutung die Arbeit für den Menschen hat (Wunsch nach Tätigsein, nützlich sein, Geld verdienen) erfüllt "Arbeit" auch viele Ersatzfunktionen, die besser an anderer Stelle oder anders zu leisten wären. So kann Arbeit eine Droge sein, ein Fluchtmechanismus, eine Manie, ein Versuch eine Identität für sich zu konstruieren. Arbeit stellt oft ein Surrogat für befriedigende Sozialkontakte dar, die außerhalb der Arbeit nicht gelingen. Arbeit ist oft nicht Mittel zum Zweck, sondern der Zweck an sich. Kein Wunder, dass gerade Männer, die ihren Wert und ihr Leben oft ausschließlich über Arbeit, Einkommen und Status definieren, ins Bodenlose zu stürzen meinen, wenn sie arbeitslos werden.
Menschen langweilen sich häufig oder fühlen sich einsam. Aus dem Wunsch nach Abwechslung oder nach Kontakt mit anderen Menschen, kann der Wunsch nach Arbeit - als einer gesellschaftlich anerkannten Form zwischenmenschlichen Kontakts - erwachsen. Eigentlich könnte man auch losgehen und sich ins nächste Straßencafe setzen und mit anderen Menschen auf der Straße in Kontakt treten. Doch die vorherrschende deutsche Kultur hat uns oft zu Arbeitsbienen und kontaktscheuen Menschen erzogen, so dass sich sogar manche vor lauter Einsamkeit gelegentlich das Leben nehmen, weil sie nicht wissen, wie sie mit anderen Menschen einen befriedigenden Kontakt herstellen und ihrem Leben außerhalb der Regeln der Arbeitsgesellschaft einen Sinn verleihen können.
Wer Erwerbsarbeit hat, der gehört dazu und sei die Arbeit auch noch so stupide, sinnentleert oder ethisch fragwürdig. Der Mann, der in einem bayerischen Rüstungsunternehmen Minen herstellt, die in Dritte-Welt-Staaten exportiert werden oder auf Umwegen dorthin gelangen, der Chemielehrer, der seinen uninteressierten, teils verhaltensgestörten Schüler/innen etwas über die anorganischen Stoffe erzählt, der Besitzer eines Spielsalons, der Henker in einem US-amerikanischen Todestrakt, der 70-Stunden-Manager, sie alle arbeiten, zwanghaft und/oder abgespalten, und weit davon entfernt, Arbeit als bereicherndes Element ihres Seins in der Welt zu erleben.
Männer haben ein besonders schwieriges Verhältnis zur Erwerbsarbeit, sie dient häufig als einzige sinn- und identitätsstiftende Form des In-der-Welt sein. Von daher kann es nicht verwundern, dass Männer von Arbeitslosigkeit häufig existenzieller betroffen sind als Frauen. Die Arbeitslosigkeit führt bei Männern häufig direkt in die psychische Krise. Männer haben, im Gegensatz zu Frauen, ihre sozialen Kontakte häufig nur über die Erwerbsarbeit hergestellt, mit der eintretenden Arbeitslosigkeit fallen diese sozialen Kontakte abrupt weg. Mit der Arbeitslosigkeit treten Einkommensverluste ein. Dies ist für den Mann unmittelbar mit Statusverlust verbunden und führt zum Ausbruch von latenten Minderwertigkeitsgefühlen.
Der traditionelle Mann reagiert traditionell, so wie die SPD zu jeder Bundestagswahl. Sich auf neue Wege zu begeben, weg von der Eindimensionalität und der Zwanghaftigkeit des traditionellen Arbeitsmannes, ruft Angst hervor, einem Gefühl das den traditionelle Mann zu überschwemmen droht. Dass der Mann dann zu ihm bekannten traditionellen "Heilmittel" wie den Alkohol greift, liegt nahe.
die heinzelmännchen von köln
wie war zu köln es doch vordem
mit heinzelmännchen so bequem!
denn, war man faul, - man legte sich
hin auf die bank und pflegte sich!
da kamen bei nacht,
eh` man`s gedacht,
die männlein und schwärmten
und klappten und lärmten
und rupften und zupften
und hüpften und trabten
und putzten und schabten,
und eh` ein faulpelz noch erwacht`,
war all sein tagewerk bereits gemacht!
die zimmerleute streckten sich
hin auf die spän` und reckten sich.
indessen kam die geisterschar
und sah, was da zu zimmern war.
nahm meißel und beil
und die säg` in eil;
sie sägten und stachen
und hieben und brachen,
berappten und kappten,
visierten wie falken
und setzten die balken.
eh` sich`s der zimmermann versah,
klapp, stand das ganze haus
schon fertig da!
beim bäckermeister war nicht not,
die heinzelmännchen backten brot.
die faulen burschen legten sich,
die heinzelmännchen regten sich;
und ächzten daher
mit den säcken schwer!
und kneteten tüchtig
und wogen es richtig
und hoben und schoben
und fegten und backten
und klopften und hackten.
die burschen schnarchten noch im chor:
da rückte schon das brot, das neue, vor!
beim fleischer ging es just so zu:
gesell und bursche lagen in ruh`.
indessen kamen die männlein her
und hackten das schwein
die kreuz und die quer`.
das ging so geschwind
wie die mühl` im wind!
die klappten mit beilen,
die schnitzten an speilen,
die spülten, die wühlten
und mengten und mischten
und stopften und wischten.
tat der gesell die augen auf,
wapp, hing die wurst
da im ausverkauf!
beim schenken war es so: es trank
der küfer, bis er niedersank.
am hohlen fasse schlief er ein,
die männlein sorgten um den wein
und schwefelten fein alle fässer ein -
und rollten und hoben
mit winden und kloben
und schwenkten und senkten
und gossen und pantschten
und mengten und manschten.
und eh` der küfer noch erwacht`,
war schon der wein
geschönt und fein gemacht!
einst hatt` ein schneider große pein,
der staatsrock sollte fertig sein;
warf hin das zeug und legte sich
hin auf das ohr und pflegte sich.
da schlüpften sie frisch an den schneidertisch
und schnitten und rückten
und nähten und stickten
und fassten und passten
und strichen und guckten
und zupften und ruckten.
und eh` mein schneiderlein erwacht`:
war bürgermeisters rock
bereits gemacht!
neugierig war des schneiders weib
und macht` sich diesen zeitvertreib:
streut erbsen hin die andre nacht.
die heinzelmännchen kommen sacht;
eins fährt nun aus, schlägt hin im haus,
die gleiten von stufen und plumsen in kufen,
die fallen mit schallen,
die lärmen und schreien
und vermaledeien!
sie springt hinunter auf den schall
mit licht: husch, husch, husch -
verschwinden all!
o weh, nun sind sie alle fort
und keines ist mehr hier am ort!
man kann nicht mehr wie sonst sich ruhn,
man muss nun alles selber tun!
ein jeder muss fein
selbst fleißig sein
und kratzen und schaben
und rennen und traben
und schniegeln und biegeln
und klopfen und hacken
und kochen und backen.
ach, dass es doch wie damals wär`!
doch kommt die schöne zeit
nicht wieder her!
die heinzelmännchen-sage
anno 1836 widmete der breslauer august kopisch den kölnern dieses gedicht. kopisch selbst war zwar wohl nie in köln und sein gedicht ist wohl über tausend umwege nach köln gekommen. bei dieser geschichte handelt es sich letztlich um eine herbe kritik der preußen an den in den tag hinein lebenden rheinländern.
Nun könnte man annehmen, dass wenigstens die neuen sozialen Bewegungen frischen Wind in die abgestandene Arbeitsbrühe pusten. Doch selbst die Protagonisten neuer Wege, laufen bisweilen in ausgelatschten hundertjährigen Schuhen. So z.B. der am 9.6.2000 im Alter von nur 62 Jahren plötzlich und unerwartet verstorbene Wilfried Wieck, der in den 80-er und 90-er Jahren mit seinen Büchern "Männer lassen lieben" und "Wenn Männer lieben lernen", die Männer wachrütteln und in der Art eines Missionars auf den rechten Weg weisen wollte.
In dem von Wiecks Lebensgefährtin Irmgard Hülsemann nach Wiecks Tod in dem Buch "Zwischen Sehnsucht und Erstarrung. Die Erotik des Mannes", 2002 Kreuz-Verlag, auf den Weg gebrachten Veröffentlichung nachgelassener Schriften von Wilfried Wiek, lesen wir:
"Ziel für jeden Mann muss sein, dass aus seiner Sehn-Sucht ein produktives Sehnen wird. Männer müssen beginnen, Männerfeindlichkeit und weibliche Herrschsucht in Beziehungen nicht mehr zu dulden. sie müssen für sich selbst die Verantwortung übernehmen, ..." (S. 113)
"Eifersucht, darüber sollten sich Partner klar sein, ist in einer Beziehung meist ein schwer wiegendendes Problem." (S. 216)
"muss sein", "müssen beginnen", "müssen für sich selbst", "darüber sollten sich Partner klar sein", das klingt nun alles ganz schön anstrengend, so dass man sich fragen kann, ob Wieck nicht zeitlebens unter einem inneren Zwang immer zu "müssen" gestanden hat, so wie das ja auch vielen Männern beim Sex geht, der für sie nicht eine Form von Genuss, sondern nur eine gesellschaftlich hoch bewertete Art von Zwangsarbeit zu sein scheint. Gut möglich, dass sich Dr. Dr. Wilfried Wieck, wie er auf Seite 15 vorgestellt wird, deswegen auch mit der Anstrengung und Zumutung in der modernen Gesellschaft Mann sein zu müssen, so engagiert auseinander gesetzt hat. Doch nicht alles gute Wollen endet schließlich auch im guten Sein, auch wenn der Kreuz Verlag im Klappentext behauptet, "Das vorliegende Buch lässt keinen Stein der patriarchalen Sex-Ordnung auf dem anderen".
Irmgard Hülsemann scheint da etwas resignativer, wenn sie sich fragt: "Macht es Sinn, ein weiteres Buch über Sexualität zu schreiben?" (s. 9).
Uns fällt dazu ein Spruch aus frühen Jugendjahren ein:
"Wozu neue Bücher schreiben, wenn so viele ungelesen bleiben."
Wir haben Wieks schriftliche Hinterlassenschaft wenigstens überflogen. Der große Wurf ist es ganz sicher nicht, aber die eine oder andere Anregung kann man doch finden.
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-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: ...
Gesendet: Freitag, 1. Dezember 2006 02:09
An: info@maennerberatung.de
Betreff:
hallo!
seitdem ich einen Internetanschluss habe, bekomm ich das Gefühl mehr und mehr abhängig danach zu werden. Es ist weniger das Surfen im Internet oder der reine Wille "online" zu sein, sondern vielmehr das Bedürfnis zu chatten.
Dies zeichnet sich dadurch aus, dass ich ich in Chaträumen meine sexuellen Phantasien auslebe. Oft kommt es vor, dass ich abends den Pc anschalte und bis spät in die Nacht meine Zeit in Chaträumen verbringe um dort cybersex zu haben.
Ich denke nicht, dass ich ein kommunikatives Problem habe, dass mich dazu bringt, die meiste Zeit online zu sein, jedoch hatte ich in der Jungend Ansätze von Minderwertigkeitskomplexen und auch heute zweifel ich noch oft an mir.
Dieses Problem zieht sich schon seit jahren und lies eine längere Beziehung zu Bruch gehen. Ich hatte meine damalige Freundin mehrmals angelogen und hinter ihrem Rücken den Sex im internet gesucht, ohne ihr körperlich fremd zugehen.
Ich wäre ihnen für einen Rat sehr dankbar
Mit freundlichen Grüßen
...
Hallo Herr ... ,
wo ist denn da ein Problem? Sie lieben Cybersex - und das ist auch gut so - um mit Klaus Wowereit zu sprechen. Wo steht denn geschrieben, dass nur Sex mit realen Menschen / Frauen schön oder gar richtig ist?
Genießen Sie einfach ohne Schuldgefühle die Zeit vor dem Computer. Andere Menschen wie zum Beispiel der Papst haben wahrscheinlich gar kein Sexualleben und trotzdem sind sie sehr anerkannte Menschen und stehen sogar in der Zeitung.
Gruß Peter Thiel
-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: ...
Gesendet: Samstag, 2. Dezember 2006 18:28
An: info@maennerberatung.de
Betreff: RE: AW:
Mein Problem ist, dass ich durch die zeit am Pc meine eigentliche Arbeit vernachlässige und gar nicht mehr ohne den Pc oder Cybersex auskomme, dass es also schon eine Sucht für mich darstellt ...
Hallo Herr ... ,
Ihr Problem scheint mir nicht der Cybersex zu sein, sondern dass Sie momentan sonst nicht viel haben, was Sie mehr begeistern könnte.
Möglicherweise macht Ihnen Ihre Arbeit so wenig Spaß, dass Sie Ihre Zeit lieber mit Cybersex herumkriegen. Vielleicht geht es Ihnen da wie vielen anderen Leuten, die langweilige oder sinnlose Jobs - warum auch immer - ausüben, nur damit sie irgend etwas haben, woran sie sich überhaupt festhalten können, um dann schließlich recht früh zu sterben, weil der Lebenssinn erschöpft ist.
Wenn das bei Ihnen so ähnlich sein sollte, könnten sie sich Fall vielleicht mal um eine andere Arbeit kümmern oder um andere schöne Dinge im Leben, so dass sie dann Ihren Computer nicht mehr so oft brauchen.
Versuchen Sie es doch mal mit einer Kontaktanzeige und einem anschließenden Treffen mit einer realen Frau. Da können Sie noch richtige Abenteuer erleben, anstatt immer nur die virtuellen am Computer.
Vielleicht fahren Sie aber auch mal auf eine psychosomatische Kur. Die wird von der Krankenkasse bezahlt und Sie kriegen eine hübsches Zimmer irgendwo im Schwarzwald oder auf Sylt, lernen andere nette Menschen kennen und haben eine gute Zeit. Einziger Nachteil, die Kur ist nach 3-6 Wochen zu Ende und Sie müssen dann wieder ins normale Leben zurückkehren und wieder für sich selber sorgen. Aber vielleicht haben Sie dann einige Anregungen und einen gewissen Schwung von der Kur mitgebracht, so dass Sie es dann ganz gut hinkriegen.
Gruß Peter Thiel